1.5 Was dieses Buch nicht ist — und was es sein will
Bevor wir beginnen, ist es hilfreich, einige Missverständnisse auszuräumen.
Dieses Buch ist kein Lehrbuch der Philosophie. Es setzt keine Vorkenntnisse voraus und bemüht sich um eine Sprache, die jeder verstehen kann, der bereit ist, aufmerksam zu lesen. Wo Fachbegriffe unumgänglich sind, werden sie erklärt. Die zugrunde liegende Untersuchung hat zwar den Charakter einer wissenschaftlichen Arbeit, aber dieses Buch übersetzt ihre Ergebnisse in eine Sprache, die nicht nur für Fachleute zugänglich ist.
Dieses Buch ist auch keine historische Darstellung der verschiedenen Meinungen über den Menschen. Es geht nicht in erster Linie darum, wer wann was gesagt hat, sondern darum, was wahr ist. Natürlich stützt sich die Untersuchung auf große Denker der Vergangenheit und der Gegenwart — auf Boëthius, Thomas von Aquin, Robert Spaemann, Hedwig Conrad-Martius und andere.1 Aber das Ziel ist nicht die Darstellung ihrer Positionen, sondern die Sache selbst: Was ist der Mensch?
Und dieses Buch ist keine religiöse Schrift. Die Argumente, die hier vorgebracht werden, beruhen auf dem natürlichen Verstand und auf dem aufmerksamen Hinsehen auf die Wirklichkeit. Man muss nichts glauben, um ihnen folgen zu können. Man muss nur bereit sein, nachzudenken — ehrlich und ohne Vorurteile. Die Arbeit steht in einer bestimmten Denktradition, aber ihre Argumente stützen sich nicht auf Offenbarung oder Glaubenssätze, sondern auf das, was dem menschlichen Verstand von sich aus zugänglich ist.
Was dieses Buch aber sein will, ist zweierlei.
Erstens will es eine Einladung sein. Eine Einladung, die Frage „Was bin ich eigentlich?“ ernst zu nehmen. Nicht als abstrakte philosophische Übung, sondern als eine Frage, die das eigene Leben und das Zusammenleben mit anderen von Grund auf betrifft. Es ist die Einladung, sich auf eine Denkbewegung einzulassen, die bei der Frage nach dem Menschen beginnt und am Ende bei seiner unverlierbaren Würde ankommt.
Zweitens will dieses Buch eine Erinnerung sein. Eine Erinnerung an etwas, das im Grunde jeder weiß, das aber in Vergessenheit geraten kann: dass der Mensch kein Etwas ist, sondern ein Jemand. Dass er nicht nach Nützlichkeit bemessen werden darf, sondern ihm Achtung und Liebe gebührt — jedem Menschen, ohne Ausnahme, ohne Vorbedingung, vom ersten bis zum letzten Augenblick seines Lebens.
Denn wenn es stimmt, dass jeder Mensch eine Person ist — von Anfang an, ohne Vorbedingung, ohne Verdienst —, dann folgt daraus etwas Ungeheures: Dann hat jeder Mensch eine Würde, die niemand antasten darf. Dann ist der Mensch ein Jemand, dem Bejahung und Liebe um seiner selbst willen gebührt. Und dann ist jedes Vergessen dieses Sachverhalts — jede Personvergessenheit, sei sie theoretisch oder praktisch — ein Unrecht. Kein kleines Versäumnis, kein verzeihlicher Irrtum, sondern ein Vergehen gegen das, was dem Menschen zusteht.
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Fußnoten
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Boëthius, Die theologischen Traktate (1988), Kap. 3; Thomas von Aquin, Summa theologiae (1888), Ia, q. 29, a. 3; Spaemann, Personen (1998); Conrad-Martius (1921). ↩