2.4 Zurück zu den Sachen selbst
Die entscheidende Frage ist nun: Wie kommt man zu solchen Einsichten? Die Antwort lautet: indem man genau hinschaut.
Das klingt banal. Aber es ist das Gegenteil von banal. Denn „genau hinschauen“ meint hier nicht, dass man mit den Augen etwas betrachtet. Es meint, dass man seinen Geist auf die Sache richtet — ruhig, aufmerksam, ohne Vorurteile.
In der Philosophie gibt es dafür einen berühmten Grundsatz: „Zurück zu den Sachen selbst!“ Dieser Grundsatz, der auf Edmund Husserl (1859—1938) zurückgeht, bedeutet: Lass dich nicht von Theorien, Systemen oder herrschenden Meinungen leiten. Geh an die Sache selbst heran. Schau dir an, was wirklich da ist. Und beschreibe es so, wie es sich zeigt — nicht so, wie es nach irgendeiner Theorie sein müsste.
Peter Wust (1884—1940) hat diesen Grundsatz so beschrieben: Es gehe um ein „Maßnehmen des erkennenden Geistes an den maßgebenden Dingen“. Nicht das Denken gibt den Dingen vor, was sie zu sein haben. Sondern die Dinge selbst geben dem Denken das Maß vor.Conrad-Martius (1960), Dies schreibt Peter Wust über die Phänomenologie, wie H. Conrad-Martius berichtet. S. 69
Das ist ein grundlegend anderer Ansatz als der, den wir aus vielen modernen Debatten kennen. Dort gilt oft: „Wir konstruieren unsere Wirklichkeit.“ Oder: „Es gibt keine objektive Wahrheit, nur verschiedene Perspektiven.“ Die hier vertretene philosophische Methode sagt das Gegenteil: Die Wirklichkeit ist zuerst da. Sie besteht unabhängig von unserem Denken. Und unsere Aufgabe ist es, sie so zu erkennen, wie sie ist — nicht, sie nach unseren Wünschen umzudeuten.
Hedwig Conrad-Martius (1888—1966), eine bedeutende Vertreterin dieser Methode, hat den Kern dieser Haltung einmal so beschrieben: Es gehe um „eine Radikalität rein geistiger Sachbereitschaft und Sachhingabe, wie sie nicht mehr überboten werden kann“. Es gehöre dazu „ein völliges Ausschalten aller Vor-Urteile, alles vorschnellen Urteilens“ und „das bedingungslose Vermögen eines reinen und ungetrübten Blickes auf die Sache”.1
Das ist kein Rezept für Gleichgültigkeit. Es ist das Gegenteil: höchste geistige Aufmerksamkeit und Bereitschaft, sich von der Wirklichkeit belehren zu lassen.
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Fußnoten
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Conrad-Martius, „Phänomenologie und Spekulation” (1965), in: Schriften zur Philosophie, Bd. 3, München: Kösel, 1965, S. 68. ↩