2.9 Was Erkenntnis wirklich ist — und was dabei geschieht

Wie also geschieht philosophische Erkenntnis? Indem der Geist sich auf einen Gegenstand richtet und dessen Wesen erfasst.

Das klingt abstrakt, ist aber ein ganz alltäglicher Vorgang. Wenn Sie einen Satz verstehen — wirklich verstehen, nicht bloß die Worte hören —, dann vollzieht Ihr Geist eine Erkenntnisleistung. Er richtet sich auf etwas, das er selbst nicht hervorgebracht hat, und erfasst es. Reinach hat dieses Sich-Richten des Geistes auf etwas so beschrieben: Es sei die „unmittelbar zu erfassende Beziehung [der] Erlebnisse auf irgendwelche Objekte”.1 Jedes Erkennen richtet sich auf etwas — es hat einen Gegenstand, auf den es abzielt.

Dabei ist Folgendes entscheidend: Was der Geist erkennt, wird durch die Erkenntnis nicht verändert. Die Wahrheit, dass ein Teil zu einem Ganzen gehört, besteht unabhängig davon, ob sie jemand erkennt. Ob überhaupt ein Mensch auf der Welt darüber nachdenkt, ändert an dieser Wahrheit nichts. Erkenntnis ist, wenn der Geist sich nach den Dingen richtet — nicht, wenn die Dinge sich nach dem Geist richten.

Das bedeutet auch: Was erkannt wird, ist nicht einfach ein Teil des Erkennenden. Der Inhalt meiner Erkenntnis — zum Beispiel, dass Verantwortung Freiheit voraussetzt — ist nicht ein Stück meines Bewusstseins. Es ist ein Sachverhalt, der unabhängig von mir besteht. Mein Geist erfasst ihn, aber er erzeugt ihn nicht. In jeder echten Erkenntnis geht der Geist über sich selbst hinaus und berührt etwas, das er selbst nicht ist.

Hier zeigt sich auch ein wesentlicher Unterschied: Die Erkenntnis als geistiger Akt — das, was sich in mir vollzieht, wenn ich etwas erkenne — ist etwas anderes als der Inhalt der Erkenntnis, der Sachverhalt, den ich erkenne. Der Erkenntnisakt ist ein seelischer Vorgang, der in der Zeit geschieht und an eine bestimmte Person gebunden ist. Der Erkenntnisinhalt hingegen ist kein seelischer Vorgang. Er ist nicht an eine Person oder eine Zeit gebunden. Dass zwei plus zwei vier ist, war wahr, bevor irgendjemand es erkannte, und wird wahr bleiben, wenn niemand mehr darüber nachdenkt.

Das ist der Grund, warum echte Erkenntnis sich von bloßer Meinung unterscheidet. Eine Meinung ist mein Für-richtig-Halten. Eine Erkenntnis ist das Erfassen einer Wahrheit, die von meinem Akt des Erfassens unabhängig ist.


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Fußnoten

  1. Reinach, Sämtliche Werke, München: Philosophia, 1989, S. 383.