6.2 Perspektiven — Was folgt daraus?
Die Frage, was der Mensch ist, ist keine rein akademische Frage. Sie hat Folgen — für unser Zusammenleben, für unsere Gesetze, für den Umgang mit den Verwundbarsten unter uns. Was ergibt sich aus den Einsichten dieses Buches?
6.2.1 Der Mensch ist kein Gegenstand
Die erste und grundlegendste Folge ist: Kein Mensch darf als Sache behandelt werden. Nicht als Mittel zum Zweck, nicht als Material, nicht als Objekt einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Das klingt selbstverständlich, und doch wird es täglich unterlaufen — überall dort, wo Menschen auf ihre Funktion, ihre Leistung oder ihren Nutzen reduziert werden.
Die Einsicht, dass der Mensch Person ist — ein Jemand, kein Etwas — muss in allen Bereichen des Zusammenlebens ernst genommen werden: in der Medizin, im Recht, in der Wirtschaft, in der Pflege, in der Erziehung, in der Politik. Überall dort, wo über Menschen entschieden wird, muss die Frage im Mittelpunkt stehen: Wird dieser Mensch als Person geachtet? Wird er um seiner selbst willen bejaht?
Das betrifft auch den Umgang mit uns selbst. Personvergessenheit richtet sich nicht nur gegen andere, sondern auch gegen die eigene Person. Wer sich selbst nur noch über seine Leistung, seinen Nutzen oder seinen Erfolg definiert, hat vergessen, wer er ist: ein Jemand, dessen Wert nicht in dem liegt, was er leistet, sondern in dem, was er ist.
6.2.2 Beginn und Ende des Lebens
Die Ergebnisse dieses Buches haben besondere Bedeutung für alle Fragen, die den Anfang und das Ende des menschlichen Lebens betreffen. Wenn der Mensch von der Empfängnis an Person ist, dann besitzt er auch von der Empfängnis an unverlierbare Würde. Dann gibt es keinen Zeitpunkt, an dem man sagen könnte: Hier ist zwar menschliches Leben, aber noch keine Person.
Das gilt für den Embryo ebenso wie für den alten, kranken oder sterbenden Menschen. Es gilt für den Menschen im Koma, für den Menschen mit schwerer Demenz, für den Menschen, der durch eine irreversible Hirnschädigung jede Möglichkeit zu bewusstem Erleben verloren hat. Solange menschliches Leben da ist, ist eine menschliche Person da.
Diese Einsicht sperrt sich gegen jede Praxis, die bestimmten Menschen das Personsein absprechen will, um sie verfügbar zu machen — sei es für Forschung, für wirtschaftliche Interessen oder aus einer falsch verstandenen Barmherzigkeit heraus. Einem Menschen das Personsein abzusprechen ist, wie wir gezeigt haben, unter allen Umständen und aus allen Gründen falsch. Das ist nicht die Meinung einer bestimmten Weltanschauung, sondern eine Einsicht, die sich dem zeigt, der bereit ist, ehrlich auf die Wirklichkeit des Menschen zu schauen.
6.2.3 Die Frage nach dem Menschenbild
Hinter jeder Auffassung über den Menschen steht ein bestimmtes Bild von der Wirklichkeit insgesamt. Wer den Menschen nur als ein Naturwesen unter anderen versteht — als ein zufälliges Produkt blinder Kräfte —, wird sein Personsein nicht angemessen erfassen können. Ein rein naturalistisches Verständnis der Wirklichkeit kann dem, was der Mensch wirklich ist, nicht gerecht werden. Es verkürzt den Menschen, indem es ihn auf das reduziert, was sich messen und beobachten lässt.
Das hat Robert Spaemann mit aller Klarheit gesehen:1 Eine rein naturalistische Auffassung des Menschen führt zu dem, was er den „tödlichen Selbstverlust“ nennt — zur Personvergessenheit. Denn wenn der Mensch nichts als Natur ist, dann gibt es keinen Grund, ihm eine besondere Würde zuzuschreiben. Dann ist er ein Ding unter Dingen — vielleicht ein komplexes, vielleicht ein interessantes, aber eben ein Ding.
Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem Menschenbild, das jemand vertritt, und dem Personbegriff, den er verwendet. Wer die Wirklichkeit rein materialistisch deutet, wird dazu neigen, die Person über ihre Funktionen zu definieren. Wer dagegen die geistige Dimension der Wirklichkeit anerkennt, wird die Person als das erkennen können, was sie ist: ein eigenständiges geistiges Wesen.
Das bedeutet nicht, dass die Naturwissenschaften unwichtig wären. Im Gegenteil: Sie tragen Wesentliches zum Verständnis des Menschen bei. Aber sie können nicht das Ganze erfassen. Die Frage, was der Mensch als Person ist, übersteigt die Methoden der Naturwissenschaft — nicht weil sie unwissenschaftlich wäre, sondern weil die Wirklichkeit der Person mehr umfasst, als sich mit naturwissenschaftlichen Mitteln erfassen lässt.
Der Streit um das rechte Verständnis des Menschen ist daher immer auch eine weltanschauliche Auseinandersetzung. Es geht nicht nur um einzelne Sachfragen, sondern um grundlegende Überzeugungen über die Natur der Wirklichkeit selbst. Dieser Auseinandersetzung darf man sich nicht entziehen. Denn was auf dem Spiel steht, ist nicht weniger als das Selbstverständnis des Menschen — und damit die Grundlage unseres Zusammenlebens.
6.2.4 Der Mensch als Geheimnis
Eines müssen wir ehrlich einräumen: Die Frage, was der Mensch ist, ist nicht restlos beantwortbar. Der Mensch ist ein Geheimnis — nicht im Sinne eines Rätsels, das sich mit genug Anstrengung lösen lässt, sondern im Sinne einer Wirklichkeit, die den menschlichen Verstand übersteigt. Wir können Wahres über den Menschen erkennen — das haben wir in diesem Buch versucht. Aber wir können den Menschen nicht erschöpfend begreifen. Ihn ganz zu durchschauen, ist uns nicht möglich. Diesen Sachverhalt zu erkennen und anzuerkennen, ist für ein tiefes Verständnis des Menschen wesentlich.
Das ist keine Schwäche des Denkens, sondern Ausdruck der Größe dessen, worüber wir nachdenken. Wer ehrlich über den Menschen nachdenkt, wird an einen Punkt gelangen, an dem das Staunen beginnt. Dieses Staunen ist kein Zeichen dafür, dass das Denken an sein Ende gekommen ist. Es ist der Anfang eines tieferen Verstehens.
Wenn es einen persönlichen Gott gibt — und vieles in der Analyse des menschlichen Personseins deutet in diese Richtung —, dann eröffnet sich eine weitere Perspektive: Der Mensch ist seinem Wesen nach auf ein göttliches Du hin ausgerichtet. Seine Fähigkeit, sich selbst zu überschreiten, seine Offenheit für Wahrheit, Güte und Schönheit, seine tiefe Sehnsucht nach einer Beziehung, die alles Irdische übersteigt — all das könnte darin gründen, dass der Mensch „im Bilde Gottes“ geschaffen ist. Diese Frage überschreitet den Rahmen der Philosophie. Aber sie verdient es, weitergedacht zu werden. Denn wenn die menschliche Person sich selbst auf ein absolutes Du hin überschreiten kann, dann muss es dafür einen zureichenden Grund geben. Dieser Grund lässt sich philosophisch erkennen; seine volle Bedeutung erschließt sich jedoch erst in einem weiteren Horizont.
6.2.5 Erkenntnis allein genügt nicht
Am Ende müssen wir etwas Wichtiges sagen: Alles Wissen über den Menschen ist nur dann wirklich wertvoll, wenn es sich im Leben ausdrückt. Eine Philosophie, die nur beim Wissen stehen bleibt, ist keine Philosophie — denn Philosophie ist Liebe zur Weisheit, und Liebe ist niemals nur Theorie. Wenn die Weisheit geliebt wird, dann zeigt sich das in Gedanken, Worten und Taten — im ganzen Leben desjenigen, der die Weisheit liebt.
Wer erkannt hat, was der Mensch ist, steht vor einer Aufgabe. Nicht nur vor der Aufgabe, diese Erkenntnis weiterzugeben, sondern vor der Aufgabe, ihr im eigenen Leben zu entsprechen. In Gedanken, in Worten, in Taten. Im Umgang mit sich selbst und mit jedem anderen Menschen.
Die Antwort auf die Frage „Was ist der Mensch?“ gibt jeder von uns nicht nur mit dem Verstand, sondern mit seinem ganzen Leben. Jeder Augenblick, in dem wir einem anderen Menschen begegnen, ist eine Gelegenheit, diese Antwort zu geben — indem wir den anderen als das sehen und behandeln, was er ist: ein Jemand, kein Etwas. Eine Person mit unverlierbarer Würde.
Wer könnte das besser bezeugen als jene, deren ganzes Leben eine Antwort auf das Personsein anderer war? Ein sterbender Mann, den Mutter Teresa von der Straße aufgelesen hatte, fand dafür die schlichten Worte:2 „Ich habe wie ein Tier auf der Straße gelebt, aber ich werde wie ein Engel sterben, geliebt und umsorgt.“ In diesem Satz liegt alles, was dieses Buch in vielen Seiten zu zeigen versucht hat: Was es heißt, einen Menschen als Person zu sehen — und was geschieht, wenn jemand das tut.
6.2.6 Eine Einladung
Dieses Buch hat versucht, die Frage „Was ist der Mensch?“ so zu beantworten, dass es jedem zugänglich ist, der bereit ist, genau hinzuschauen. Die Antwort, die wir gefunden haben, ist nicht kompliziert. Sie lautet: Der Mensch ist Person — ein einmaliges, unwiederholbares geistiges Wesen im Leib, von seinem Wesen her auf andere ausgerichtet, mit einer Würde, die ihm niemand geben und niemand nehmen kann.
Diese Antwort ist nicht neu. Sie ist so alt wie das ernsthafte Nachdenken über den Menschen selbst. Aber sie muss in jeder Zeit neu gesagt werden, weil sie in jeder Zeit auf neue Weise in Vergessenheit zu geraten droht.
Wer dieses Kapitel als Erstes gelesen hat, dem sei gesagt: Die vorangegangenen Kapitel entfalten das, was hier zusammengefasst wurde, in der nötigen Gründlichkeit. Sie zeigen, warum jede der genannten Einsichten trägt — nicht als bloße Behauptung, sondern als Ergebnis sorgfältigen Nachdenkens. Es lohnt sich, diesen Weg mitzugehen.
Und wer das ganze Buch gelesen hat, dem bleibt ein Gedanke als Wegbegleiter:
Jeder Mensch, dem wir begegnen — ob geboren oder ungeboren, ob gesund oder krank, ob stark oder schwach, ob jung oder alt —, jeder Mensch ist jemand. Ein Jemand mit unendlichem Wert. Und die einzig angemessene Antwort auf dieses Jemand-Sein ist: ihn um seiner selbst willen zu bejahen und zu lieben.
Darin liegt nicht nur eine philosophische Erkenntnis. Darin liegt eine Lebensaufgabe.
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Fußnoten
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Spaemann, Schritte über uns hinaus (2011), Bd. II, Stuttgart: Klett-Cotta, 2011. Vgl. auch ders., „Über den Begriff der Menschenwürde”, in: Das Natürliche und das Vernünftige: Essays zur Anthropologie, München: Piper, 1987, S. 77–106. Spaemanns vollständige Argumentation lautet: „[D]ass der Mensch ganz und gar Natur, ein natürliches Wesen ist, ist für das Selbstverständnis des Menschen nur dann nicht tödlich, wenn die Natur ihrerseits von Gott geschaffen ist und die Hervorbringung des Menschen einer göttlichen Absicht entspricht.“ ↩
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Mutter Teresa (1985). Überliefert anlässlich ihres Besuchs bei den Vereinten Nationen. ↩